Vor ein paar Tagen war in der Wirtschaftspresse und in diversen Blogs ein großes Erstaunen anlässlich einer Analyse eines 15-jährigen Praktikanten von Morgan Stanley festzustellen. Meiner Meinung nach ist daran allerdings nur eine Sache erstaunlich: Dass Morgan Stanley das Werk des Praktikanten tatsächlich veröffentlicht hat.
Denn eigentlich beschreibt der 15-jährige Matthew Robson nur, welche Medien er und seine Freunde nutzen und warum. Und welche eben nicht. Da ich mich seit einigen Jahren mit dem Thema Mediennutzung beschäftige, steht in dem Report für mich nichts wirklich Neues, die Aussagen sind eher banal: Für Jugendliche ist der Preis ein sehr wichtiges, wenn nicht das entscheidende Kriterium. Deshalb kaufen sie nur selten CDs und haben nur selten High-Class-Handys wie das iPhone. Wenn sie eine Zeitung lesen, dann eher die kostenlosen Blätter. Und so weiter.
Es mag viele „Experten“ und „Entscheider“ erstauen, was sie in diesem Report lesen. Denn es ist die schlichte Wahrheit, ausgedrückt in den Worten eines 15-Jährigen. Ohne Bullshit-Bingo-Begriffe, ohne Rücksicht auf eventuelle Auftraggeber aus der Medienbranche. Einfach nur der nüchterne, alltägliche Blick auf die Mediennutzung von Jugendlichen.
Ähnliche, noch aussagekräftigere Ergebnisse, würde jede unabhängige Befragung von Jugendlichen auch liefern. Und vermutlich noch deutlich mehr.
Die Frage ist nur, wer wirklich die harte Wahrheit hören will: Kann ein Marktforscher eines Verlagshauses der Geschäftsführung und dem Marketing Studienergebnisse vorlegen, die deutlich zeigen, dass seinem Produkt die Zukunft fehlt? Das ist nicht, was der Auftraggeber einer solchen Studie hören möchte. Und deshalb werden die Daten so lange „interpretiert“, bis die gwünschten/erhofften Ergebnisse vorliegen. Dann stellt man zum Beispiel einen Kohorteneffekt fest. Dieser soll belegen, dass das Zeitunglesen bei jungen Erwachsenen automatisch wieder einsetzt. In einem bestimmten Alter. Damit sind dann alle glücklich: Die Geschäftsführung, weil sie eine Zukunft für das Unternehmen sehen. Das Marketing, weil es Argumente gegen das böse Internet hat. Die Marktforschung, weil ihre Arbeit Geschäftsführung und Marketing beeindruckt. Nur die Wahrheit und der realistische Blick gehen dabei verloren.
Irgendwann passiert dann aber genau das, was wir jetzt gesehen haben: Alle sind erstaunt, finden die Ergebnisse spannend und bahnbrechend. Und das alles nur, weil ein 15-Jähriger kein Interesse an Kundenwünschen und Geschäftsmodellen hat und einfach mal vor sich hin schreibt. Und endlich einmal die Wahrheit gedruckt wird.




